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Fribourg 1. - 8. März 2008,von Regula Treichler, Schweiz (Deutsch)

Das Filmfestival in Fribourg stand in diesem Jahr unter der neuen künstlerischen Leitung von Edouard Waintrop, zeigte Filme an neuen Spielorten und erhielt in der Ancienne Gare einen neuen, sympathischen Ort als Festivalzentrum.

Neben dem Wettbewerb mit 13 Filmen (2 Dokumentarfilme und 11 Spielfilme) zeigten weitere Filmreihen neue Filme und Retrospektiven nach formalen und thematischen Kriterien.

In einer Reihe wurden als Schweizer Premieren gemischte Spiel- und Dokumentarfilme präsentiert, wobei beim einen oder anderen Film die Frage auftauchte, weswegen nun gerade dieser Film nicht im Wettbewerb gezeigt wurde. Beispielsweise der mexikanische Film Malos Hábitos (Schlechte Gewohnheiten) von Simon Bros, der die Tradition des lateinamerikanischen Surrealismus fortführt, indem er uns lauter Personen mit einem gestörten Essverhalten vorführt.
Des Weiteren gab es eine Kurzfilmreihe, Dokumentarfilme in der Reihe "Atelier Varan à Kaboul", eine Reihe cineastischer Perlen des "Film du monde", die in der Cineteca di Bologna kürzlich restauriert worden sind und eine Hommage an den südkoreanischen Regisseur Lee Chang-dong, dessen Film Milyang (Secret sunshine) das Festival eröffnete. Die thematischen Reihen der Retrospektive waren "Cinéma et révolution", "Noir total" (Film noir) und "L'amour global".

Die Auswahl der Wettbewerbsbeiträge bestach mehrheitlich durch eine hohe Qualität der Filme. Wie ein (unbeabsichtigter) roter Faden tauchten einige Themen in verschiedenen Wettbewerbsfilmen immer wieder auf, so zum Beispiel das Thema allein erziehender Eltern, insbesondere Väter, oder die Linderung seelischer Schmerzen durch eine tiefe, bewusste Religiosität. Vor allem das Christentum scheint in Südostasien als Heilsuchung zu boomen, was aus mitteleuropäischer Sicht befremdend exotisch wirkt.

Die FICC Jury gab den Prix Don Quijote dem südkoreanischen Film Geomen Tangyi Sonyeo Oi (Fille de la terre noire / Mädchen der schwarzen Erde) von Jeon Soo-il.
Der Film beschreibt den Familienalltag eines neunjährigen Mädchens, das mit ihrem Vater und ihrem älteren, geistig zurückgebliebenen Bruder in einem heruntergekommenen Bergarbeiterdorf lebt. Die wachsende Verantwortung für ihren Bruder und das tägliche Leben werden unerträglich: Der Vater verliert seine Arbeit im Bergwerk und verfällt nach weiteren Schicksalsschlägen mehr und mehr dem Alkohol. Die mütterliche, vorsorgliche Haltung des Mädchens führt letztendlich zu radikalen Entscheidungen. Die kraftvollen Bilder der sterbenden Industrielandschaft spiegeln die Handlung auf eindrückliche Art. Der Film überzeugt durch die respektvolle Darstellung der Protagonisten. Gleichzeitig gelingt dem Regisseur ein Werk globaler Gültigkeit, das an Filme des italienischen Neorealismo oder an Filme von Ken Loach erinnert.


Mit einer Mention spéciale der FICC Jury wurde der chinesische Dokumentarfilm He Fengming (Fengming, chronique d'une femme chinoise / Fengming, Chronik einer chinesischen Frau) von Wang Bing ausgezeichnet. Der dreistündige Film gibt in bewusst statischen Kameraeinstellungen der siebzigjährigen Chinesin Fengming genügend Raum, über ihr Leben und besonders ihr Schicksal bei der Internierung in Arbeitslagern während der Säuberungsphasen zu sprechen. Der Film verdient unserer Ansicht nach eine besondere Anerkennung als historisches Zeitdokument und als persönliches Zeugnis.

Der Hauptpreis der Internationalen Jury ging an das Erstlingswerk von Liew Seng Tat Flower in the pocket, in dem die Geschichte von zwei chinesischen Jungen in einer multikulturellen Gesellschaft in Malaysia erzählt wird. Die zwei Brüder versuchen ihren Alltag alleine zu meistern, da ihr allein erziehender Vater ein Workaholic ist, der nur spät nachts zum Schlafen nach Hause kommt. In der Schule stehen schier unüberwindbare sprachliche Barrieren an, der Jüngere spricht nur chinesisch. Die beiden schliessen Freundschaft mit einem islamischen Nachbarsmädchen, das sich als Junge verkleidet und nehmen einen jungen Hund nach Hause, um den sie sich liebevoll kümmern, wofür ihr Vater wenig Verständnis hat.

Der Spezialpreis der Internationalen Jury ging an El camino von Ishtar Yasin, einer der ersten Filme aus Costa Rica. Thema des Films ist die Kinderprostitution, die in Costa Rica erschreckend hoch ist. Ein zwölfjähriges Mädchen und ihr jüngerer, stummer Bruder entschliessen sich, von Nicaragua aus ihre Mutter in Costa Rica zu suchen, nachdem das Mädchen die sexuellen Übergriffe ihres Grossvaters, bei dem die Geschwister leben, nicht mehr aushält. Für die beiden beginnt eine lange Reise, der stumme Bruder bleibt irgendwo im Wald zwischen den beiden Landesgrenzen auf der Strecke und das Mädchen landet in den Fängen der Prostitution. El camino bedient sich einer poetischen und surrealen Bildsprache: Viele Sachen werden im Film als Metaphern angedeutet, Symbole tauchen immer wieder auf und viele Einstellungen erinnern an (Alb)Träume, allerdings bleiben auch einige Fragen am Ende ungelöst.

Den Publikumspreis erhielt der mexikanische Film La zona von Rodrigo Plá, der als einziger Film bereits mit einem Schweizer Verleih im Wettbewerb gezeigt wurde. La zona ist ein Sozio-Thriller, der den Blick hinter die Fassade eines hermetisch abgeschirmten und bewachten Reichenviertels in Mexico Ciudád wirft, in den drei Jugendliche durch einen Zufall einbrechen. Zwei der Jugendlichen und ein Wärter werden von den Bewohnern exekutiert und via Müllabfuhr aus dem Quartier geschafft. Dem dritten Jungen gelingt es, sich für eine gewisse Zeit in einem Keller zu verstecken, wo er Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Sohn des reichen Hausbesitzers schliesst. Die Selbstjustiz der Quartierbewohner nimmt radikale Züge an, verweigert jegliche Zusammenarbeit mit der Polizei und führt konsequent zum tödlichen Ende.


Die Jugendjury prämierte den Film God men dog der taiwanesischen Regisseurin Sining Chen, der nach meiner Meinung durchaus eine Auszeichnung verdient hat. In der Machart an Filme von Iñárritu erinnernd, montiert die Regisseurin die Erzählstränge von verschiedenen Hauptcharakteren um einen Autounfall, bei dem ein preisgekrönter Hund verschwindet. Für alle Beteiligten bedeutet dieser Unfall einen Wendepunkt in ihrem Leben.

Einer meiner Lieblingsfilme des Wettbewerbs ging bei der Preisverleihung leider leer aus: Zapiski oputevogo obkhodchika (The lineman's diary) von Zhanabek Zhetiruov aus Kasachstan. In ästhetischen schwarz-weiss Bildern, mit altem sowjetischen Filmmaterial gedreht, wird eine rührende Geschichte rund um die älteste Eisenbahnlinie durch Kasachstan erzählt. Ein blinder Grossvater, ehemaliger Eisenbahner, geht seine Zugstrecke immer noch jeden Tag zu Fuss ab und überprüft jede einzelne Schwelle. Dies wäre mein Favorit für den nächsten Weihnachtsfilm im neuen kino in Basel – schade gibt es nur eine Kopie mit englischen Untertiteln!

Regula Treichler, Mitglied der FICC Jury, neues kino Basel